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Betreuung in der Corona-Krise: Welche Erfahrungen machen Sie?

14.04.2020
  • Dirk Brakenhoff

Hamburg, 14. April 2020 - Der vorliegende Beitrag beleuchtet die Auswirkungen der Corona-Pandemie und die getroffenen Beschränkungen auf die Menschen, insbesondere auf Menschen in verletzlichen Lebenslagen. Als Teil der sozialen Infrastruktur unterstützen rechtliche Betreuer/innen oft Menschen in verletzlichen Lebenslagen und spielen eine wichtige Rolle dabei, dass ihre Klient/innen diese Krise bewältigen können. Welche Problemlagen sich dabei aktuell ergeben, ist ebenso Thema des vorliegenden Beitrags.  

Der Ausbruch der Viruserkrankung COVID-19 sorgt weltweit für massive staatliche Gegenmaßnahmen. Auch in Deutschland sind seit dem 23. März 2020 umfangreiche Kontaktbeschränkungen in Kraft getreten, die den sozialen Austausch außerhalb des eigenen Hausstands erheblich verringert („Physical Distancing“). Die politische und institutionelle Umsetzung der Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie gehen einher mit der Beschränkung elementarer Grund- und Menschenrechte. Alle Menschen sind zurzeit im höchsten Maße gefordert, mit der akuten Situation und den sich daraus entwickelnden Probleme umgehen zu lernen und sich anzupassen. Vermeintlich gesunde Menschen sind dabei durchaus in der Lage, ein beträchtliches Maß an anfallenden Stressoren zu lösen oder aushalten zu können (Lebensbewältigung). 

Wie sich diese Krise weiterentwickelt, kann heute niemand genau sagen. Politik und Gesellschaft – wir alle – stehen vor unbekannten Herausforderungen, die Auswirkungen der Pandemie sind zum jetzigen Zeitpunkt bestenfalls zu erahnen. Perspektivisch werden Lockerungen der Maßnahmen erfolgen, doch fest steht, dass die Krise alles andere als schnell vorbei sein wird. Der Beitrag möchte zum Nachdenken anregen. Aber gleichzeitig möchte er auch dazu aufrufen, uns Ihre Erfahrungen mitzuteilen, damit diese in unsere Bewertung der aktuellen Situation einfließen kann.

Teilen Sie uns Ihre Erfahrungen mit

Insbesondere sind Ihre Erfahrungen zu den folgenden drei Themenbereichen interessant:

1) Wie erleben Ihre Klient/innen diese akute Phase der Verunsicherung? Wie gehen sie mit den neuen Lebensumständen und dem Wegbrechen vieler Strukturen um? Wie bewältigen sie die Ängste, Unsicherheiten und Veränderungen?

Klient/innen rechtlicher Betreuung stehen oft nicht hinreichende Problemlösungsfähigkeiten und / oder die notwendigen Ressourcen dafür zur Verfügung. Sie sehen sich bereits unter „coronafreien“ Bedingungen oft unterschiedlichsten Problemlagen ausgesetzt, die die Lebensbewältigung beeinflusst bzw. die sie behindern. Für sie sind das Zusammenbrechen ihrer gewohnten Alltagsstrukturen und eine sich täglich ändernde, völlig ungewisse Situation oft schwerer zu ertragen als für vermeintlich Gesunde. Einige Beispiele: Für Menschen mit einer psychischen Erkrankung können die Kontaktbeschränkungen zu Symptomverschlechterung führen, sich zu Krisen entwickeln, bis hin zur Suizidalität. Menschen mit einer Suchterkrankung neigen ohne ihren gewohnten Tagesablauf dazu, ihr Suchtverhalten stärker als sonst auszuleben. Ihre Klient/innen leben vermehrt in zu kleinen Wohnungen und werden öfter vor der Situation stehen, die Miete nicht mehr zahlen zu können. Oft fehlt es an einem funktionierenden und stützenden sozialen Netzwerk und die Kontaktbeschränkungen verstärken diesen Effekt vermutlich noch.

2) Welche Erfahrungen machen Sie als Betreuer/innen mit den Versorgungsanbietern Ihrer Klient/innen?

Klient/innen rechtlicher Betreuung sind potenziell häufiger auf Unterstützung von außen angewiesen. Sie trifft die Krise doppelt. Versorgungssysteme haben ihre Arbeit eingestellt oder werden in ihrer Funktion stark eingeschränkt. Einige Beispiele: Es bestehen Betretungsverbote für Pflegeheime, Behinderten-Werkstätten, tagesstrukturierende Einrichtungen, Tagesförderstätten und Begegnungsstätten. Wohneinrichtungen für Menschen mit Behinderungen werden benachteiligt bei der Vergabe von Schutzausrüstung. Psychiatrien entlassen Menschen vorschnell, um Kapazitäten freizumachen. Für Klient/innen rechtlicher Betreuung sind Versorgungsstrukturen enorm wichtig – oftmals essenziell – für eine gelingende Lebensbewältigung, für psychische Stabilität und Teilhabe. Das Wegbrechen dieser Strukturen macht diese Menschen zur „vergessenen Risikogruppe“.

3) Kraft Ihres Amtes übernehmen Sie als Betreuer/in ein hohes Maß an Mitverantwortung für Ihre Klient/innen. Welche Probleme und Herausforderungen stellen sich Ihnen aktuell in der Ausführung Ihres Amtes?

Rechtliche Betreuer/innen stehen angesichts der Lage vor großen Herausforderungen. Wie alle anderen Menschen auch müssen sie persönlich mit den Unsicherheiten, den Ängsten und den Beschränkungen leben. Gleichzeitig übernehmen sie Kraft ihres Amtes eine Mitverantwortung für im Schnitt vierzig und oft mehr Klient/innen. Ihnen obliegt die Mitverantwortung, dass ihre Klient/innen diese Krise bewältigen können.

Den persönlichen Kontakt einzuschränken und zeitweise die Arbeit überwiegend in Home Office zu erledigen, ist dabei in vielen Fällen möglich. Allerdings ergeben sich nicht selten Problemkonstellationen, die es notwendig machen, das „Home Office zu verlassen“ (bspw. Krisen, Einwilligungen in medizinische Behandlungen, COVID-19-Erkrankung eines Klienten). Sobald sich also eine besonderer Handlungsbedarf ergibt, muss ein/e rechtliche/r Betreuer/in das „Home Office verlassen“.

Im gleichen Zuge ergeben sich Probleme hinsichtlich der Erforderlichkeit von Anhörungen, auf die mittlerweile z.T. verzichtet wird. Auch bestehen Überlegungen, Anhörungen generell mit Fernkommunikationsmitteln zum Standard zu machen.

Ferner ergeben sich für viele Betreuer/innen aufgrund der aktuellen Krise konkrete finanzielle Probleme. Mehrere Gerichte kündigten bereits an, die Bearbeitung von Vergütungsanträgen für einige Wochen auszusetzen. Betreuer/innen leisten ihre Aufgabe bereits jetzt schon unter schlechten materiellen Bedingungen und sie sind daher finanziell oftmals nur schwach aufgestellt und geraten in konkrete finanzielle Existenznöte.

Wir möchten wissen, wie es in diesen Zeiten großer Veränderungen Ihren Klient/innen und Ihnen als Unterstützer/innen ergeht und hoffen auf zahlreiche Rückmeldungen. Wenn Sie uns Ihre Erfahrungen mitteilen möchten, schreiben Sie gerne eine Mail an dirk.brakenhoff(at)bdb-ev(dot)de oder nehmen Sie im Mitgliederportal meinBdB an der Diskussion teil.